Rede zur Ausstellungseröffnung von Dido Nitz
KREUZWEGE. Werke von Berta Hummel, Johannes Potzler und Peter Wittmann.
Rede zur Ausstellungseröffnung
von Dido Nitz
„Ein Kreuzweg ist Lebensarbeit“, schrieb Berta Maria Innocentia Hummel in einem Brief. Und meinte das im doppelten Sinne, wenn man sich ihren Lebensweg ansieht. Am 21. Mai wäre sie hundert Jahre alt geworden.
Der Kreuzweg im Allgemeinen ist ein Leidensweg im Angesicht des Todes. Eine menschliche Grunderfahrung. Das Kreuz an sich ist in unserer christlich geprägten Kultur das gebräuchlichste Symbol für den Tod. Sehr unterschiedlich interpretierbar, wie man in dieser Ausstellung sieht. Drei Künstler zeigen drei ganz eigene Varianten derselben Thematik.
Berta Maria Innocentia Hummel war 26 Jahre alt, als sie mit ihren Kreuzwegskizzen begann (ich werde mich an dieser Stelle auf dieses Werk von ihr beschränken). Eine junge Frau, 1935. Eine junge Frau, die gerade berühmt wurde. Mit Kinderzeichnungen. 1935 wurden die ersten Hummel-Figuren der Firma Goebel vorgestellt, wie diese Geschichte weiterging, wissen wir ja alle. Grundlage für die Figuren war ein Hummel-Buch aus dem Fink Verlag, das sich innerhalb weniger Monate traumhafte 20.000 mal verkauft hatte. In diesem Buch war im Vorwort zu lesen: „Das ist die hellherzige Künstlerin Sr. M. Innocentia (...). Die Sonne gehört als ein Wesentliches zu ihr (...) Wie Musik und Licht ist alles, was sie schafft. Es ist kein Zug in ihren Bildern, der irgendeinem weh tun könnte.“ Das ist die eine Seite, die mit der ihr Name gemeinhin auch heute noch verbunden wird.
Aber Mitte der Dreißiger Jahre, als Maria Innocentia ihren Kreuzweg schuf, war es nicht hell und licht. Das ist die andere Seite. Berta Maria Innocentia Hummel war 1935 zu einem Zweitstudium an die Staatsschule für angewandte Kunst in München gekommen.
Das erste Studium (1927 – 1931), ebenfalls in München, war glücklich gewesen. Ein fröhliches Mädchen aus Massing. Die Welt stand ihr offen, die Professoren rissen sich um ihr künstlerisches Ausnahmetalent. Sie entschied anders und wählte zum Erstaunen vieler – oder man muss schon eher Entsetzen sagen – den Weg ins Kloster. Der Glaube als Heimat. Darüber ist bis heute viel spekuliert worden. Am interessantesten natürlich die Frage, was künstlerisch aus Berta Hummel geworden wäre, hätte sie einen anderen Weg gewählt.
Bleiben wir beim Thema Weg und kehren zum Kreuzweg zurück. Diesmal von der historischen Seite. Der Weg Christi von der Burg Antonia, dem Sitz des unschlüssigen Pilatus, nach Golgatha hinauf, wo die Verurteilten gekreuzigt wurden. In Jerusalem waren 14 Orte festgelegt, die für diesen Weg eine besondere Bedeutung hatten. Seit ältester Zeit, noch vor Kaiser Konstantin (+ 337), machten sich Wallfahrer auf den Weg, diese 14 Stationen abzugehen, vor ihnen Andacht zu halten und fest dotierte Ablässe für ihre Sünden zu erwerben. 1312, es war die Zeit der Kreuzzüge, ernannte Papst Clemens V. den Orden der Franziskaner zu den Hütern der Jerusalemer Kreuzwegstationen. Gut hundert Jahre später begannen die Patres, die aus Jerusalem zurückkamen, den Kreuzweg in ihren Klöstern nachzustellen, mit sieben, acht, neun, den bekannten 14 oder auch 15 Stationen. Bald konnte jeder auch hier die Stationen abgehen und offiziell dieselben Ablässe gewinnen wie in Jerusalem.
Der Kreuzweg, wie wir ihn heute kennen, ist also tief in der franziskanischen Tradition verwurzelt. Maria Innocentia Hummel war Franziskanerin. Der unbedingte Wille, sich mit Seele und Leib zu opfern – bei meinen Recherchen für die Hummel-Biografie habe ich mich in der Tat erst daran gewöhnen müssen, denn aus heutiger Sicht kann diese Fokussierung auf das Leid irritieren. Bereits als Mädchen – so fröhlich und aufgeweckt sie auch war – spricht Berta in ihren Briefen von dankbaren „Opfern“, die sie ihren Eltern bringen will. Dieser Gedanke zieht sich lebenslang durch ihre gesamte Korrespondenz. Unheilbar an Tuberkulose erkrankt, bemerkt sie ihrer Schwester gegenüber: Weißt du, ich glaube, ich bin das Kriegsopfer der Familie.“ Eine junge Frau mit 35 Jahren. Opfer an der Brüder statt, die unversehrt aus dem Krieg zurückgekehrt waren.
Kehren wir jedoch zurück in das Jahr 1935, als Berta Maria Innocentia Hummel an ihrem Kreuzweg arbeitete. Sie war also ein zweites Mal nach München gekommen und hatte die Stadt und die Staatsschule völlig verändert vorgefunden. München trug den Ehrentitel „Hauptstadt der deutschen Kunst“. Ein Kultur-Mekka sollte es werden für das, was unter Hitlers Herrschaft als ultimativ ästhetisch galt. Die Staatsschule war dementsprechend auf Zack, ihr Leiter, der aalwendige Richard Klein, dem Führer untertänigst zu Diensten. Er porträtierte ihn gern. Da war für eine katholische Schwester in Ordenstracht so gar kein Platz. Schon gar nicht für eine, die schon so populär war mit Kinderzeichnungen, die uns heute maximal harmlos erscheinen, die jedoch dem Hitlerschen Idealbild einer strammen und gestählten Jugend widersprachen. „Wasserköpfig und klumpfüßig“ tönte es von Nazi-Seite über die Hummelschen „Dreckspatzen“. Die Auslands-Devisen der fortan in Deutschland unter Produktionsverbot stehenden Hummel-Werke sackten die reichsdeutschen Herrschaften allerdings gerne ein, nebenbei bemerkt, mit der wachsenden Popularität vor allem in den USA hatte man sich geschäftsmäßig professionell gut angefreundet.
Für Maria Innocentia Hummel waren diese beiden Jahre ihres München-Aufenthalts eine Zeit des Rückzugs, der inneren Abkehr. Auf Klassenfotos ist sie nicht zu sehen. Sie arbeitete viel. Viel Unverfängliches. Wenig offensichtlich Religiöses. Nicht mehr die Leichtigkeit und Transparenz der früheren Jahre. Die Farben sind gedämpfter als früher. Es herrscht lichtschluckende Stille.
Dann der Kreuzweg. Das Kreuz tragen. Das Leben tragen, demütig, wie es gegeben ist. In der Nachfolge Christi. Ein innerstes Bedürfnis, dem Schmerz eine Stimme zu geben. Gelebtes Gebet an ihren Gott, dem sie so überzeugt verbunden ist, der ihr die künstlerische Gabe geschenkt hat und die Leidenschaft dazu. „Ein Kreuzweg ist Lebensarbeit.“
Augenfällig das Kreuz. Schroff unüberwindlich die dunklen Holzbalken. Meistens sind es nicht mehr als zwei Akteure, um nicht abzulenken. Sie nutzt die neuen Körperideale, orientiert sich an ihren Aktzeichnungen. Ein Speerwerfer wird zum Henkersknecht, die Schergen strotzen vor Kraft. Kühne, schnelle Striche formen die Körper, schwungvoll, manchmal fast grob aufs Papier gebannt. Etwa 50 Skizzen entstanden in jenen aufreibenden beiden Jahren ihres zweiten Studiums. Ein Werk voll herber Abstraktion, wie man es der Künstlerin nicht zugetraut hätte. Die andere Seite der „hellherzigen Künstlerin“. Nie vor und nie nach jenen Jahren hat sie die Thematik aufgegriffen. Der Kreuzweg ist wohl ihr persönlichstes Werk.
Sehr stark in der persönlichen Erfahrung verwurzelt sind auch die Arbeiten Peter Wittmanns. Hier steht das Kreuz-Symbol im Vordergrund. Und jedes steht für sich. Insofern kann man wohl hier nicht von einem Kreuz-Weg im klassischen Sinne sprechen, sondern eher von verschiedenen Aspekten eines Themas. Jede Variante ist ein eigener Diskurs um die nahe Erfahrung des Todes.
Das erste Mal setzte sich Peter Wittmann 1980 mit dem Thema Kreuz auseinander. In den beiden Jahren zuvor war Peter Wittmann dem Sterben nahe gewesen, er hatte sich in Nordindien mit der sogenannten „Schwarzen Krankheit“ infiziert, die damals als nahezu unheilbar galt. Drei Jahre später, 1983, kehrte der Künstler mit seinem Werk „Krank 1“ noch einmal in der Auseinandersetzung mit der überwundenen Krankheit zum Thema Kreuz zurück.
Der hier ausgestellte 14-teilige Zyklus entstand unmittelbar danach, in den Jahren 1984-1988. Drei Werkgruppen sind zu sehen.
Sieben Monotypien im schmalen Hochformat. Ölfarbe und Kunstharz auf Japanpapier, auf Holz aufgezogen und mit schweren Eisenrahmen gefasst. Da kommt der Ausdruck „ein Kreuz tragen“ seiner wörtlichen Bedeutung nach! Allen gemein als festes Element die Strenge der Balkenform. Mal überlagert mit kalligrafisch anmutenden Pinselstrichen – die Nähe zur chinesischen Kalligrafie ist bei Wittmanns Werk unverkennbar, er hat in Taiwan bei einem Lehrer diese Kunst studiert. Mal unterlegt mit Farbflächen, deren nach unten rinnende und schlierende Tropfen an Blut gemahnen. Das Kreuz als Symbol der Leiderfahrung, der Todesnähe. Dennoch die Gleichzeitigkeit (oder Paradoxien?) der Dinge. Die dominierenden Farben rot und schwarz. Leben und Tod erscheinen nicht als kausale Abfolge, sondern als untrennbar miteinander verwoben, überschichtet, ineinander vernagelt in unentrinnbarer Einheit innerhalb des Universums. So trägt zum Beispiel ein Werk den Titel „Blumenkreuz“. Flirrende Blütenblätter – ein wenig gelb – und die Strenge der Kreuzform. Durst des Lebens im Angesicht des Todes. Ein Bild dieser Werkgruppe ist annähernd vollflächig schwarz. Ganz schemenhaft ist im Hintergrund die Kreuzform zu erkennen. „Va mourir“, also „Geh sterben!“ heißt es brachial und beinahe verächtlich aus dem Off. Die Zurückgeworfenheit des Menschen in seine Kleinheit.
Die nächste Werkgruppe besteht aus fünf Bildern. Die Balken kräftig, schwarz, dicht, kaum mehr Zusatzfarbe. Kunstharz auf Japanpapier auf Holz oder Leinwand. Immer noch der schwere Eisenrahmen. Wieder ein schwarzes Bild. Der Tod. Das Nichts? Nein, das nicht. Erkennbare Fingerspuren des Künstlers, ein „Kratzen am Käfig“, wie der Autor des Katalogtextes beschreibt.
Die beiden letzten Bilder des Zyklus unterscheiden sich von den anderen. Hier ist die Form das Bild. Ein ausgeklappter Pappkarton bildet das Kreuz. Papier, Blattsilber, Kunstharz, Ölfarbe. Sie haben nicht die Erdenschwere der vorangegangenen Werke, die ist ihnen schon durch das Material genommen. Sie sind ruhig in ihrer Farbaufteilung. Ein gleichmäßiges helles Rauschen im Zentrum der Todesfarbe. Ein wenig Gelb, das unter dem Schwarz hervorschimmert, das einen Hinweis geben mag auf das Jenseits.
Die Frage nach dem Jenseits, nach dem, was kommen mag auf der anderen Seite des Flusses, beschäftigt auch den Bildhauer Johannes Raphael Potzler. Ich möchte von den Arbeiten, die nicht Kreuzweg sind, eine herausgreifen:
Die Ahnung des Paradieses. Sisyphos sitzt auf einem/seinem Stein und lauscht. Der Klang von Orpheus' Lyra durchzieht ungewohnt das Dunkel der Unterwelt. Orpheus spielt auf dem Weg, seine Eurydike aus dem Hades abzuholen. In Ovids Metamorphosen heißt es:
„Während er (Orpheus) so sang und zu seinen Worten die Saiten schlug, weinten die blutlosen Seelen, Tantalus griff nicht nach der fliehenden Welle, staunend stand still das Rad des Ixion, die Vögel zerfleischten nicht die Leber des Tityos, die Beliden ließen ihre Krüge stehen, und du, Sisyphos, saßest auf deinem Stein.“
Orpheus, die Lichtgestalt. Seit dem frühen Christentum als Präfiguration zu Christus gedeutet. Der „poeta theologus“ des Augustinus. Sein Abstieg in den Hades wurde mit dem Abstieg Christi ins Totenreich in der Nacht nach seiner Kreuzigung verglichen.
Sisyphos, Figur des in seinem Dasein gefangenen Menschen, unterbricht zum ersten und einzigen Mal sein sinnentleertes Schaffen, um den Klängen des Paradieses zu lauschen, einen flüchtigen Moment lang der Erlösung ganz nahe. Man selbst, als Betrachter, ist außen vor und kann nur erahnen. Die große Frage bleibt offen. Was ist das, was er da hört? Hört er überhaupt wirklich was? Oder bleibt es ein Hauch, ein Traum, ein Flügelschlag?
Wie lang sitzt er schon so da? Einen Augenblick? Eine Ewigkeit? Ein in Bronze gegossener Moment hat etwas Überzeitliches, außerhalb von Zeit und Raum. Bronze ist ein unglaublich beständiges Material, es hält Jahrtausende.
Auch die 14 Stationen des Kreuzwegs sind Momentaufnahmen. Johannes Potzler erzählt die Geschichte. Er inszeniert sie. Meist ist Christus allein zu sehen. Die Einsamkeit des Todgeweihten. Die starke Plastizität der Reliefs erzeugt harte Schlagschatten, erinnert an Stills von einem expressionistischen Stummfilm. Brachial die Kulisse, in der der Mensch sich behaupten muss. Unüberwindlich scheinende Felsbrocken. Wolken, die zu erdrücken scheinen als Jesus zum dritten Mal fällt. Veronikas Schweißtuch wird dem Betrachter auf drei Viertel der Bildfläche entgegengehalten, während im Hintergrund der kreuztragende Jesus vorbeizieht. Erschütternd die elfte Station, als Jesus ans Kreuz genagelt wird. Im Hintergrund der nagelnde Scherge, der gewaltsam die Hand des kopfüber platzierten Verurteilten festhält. Im Vordergrund herangezoomt dieselbe Hand noch einmal. Der Blutstrom, der herausfließt, bildet auf der felsigen Erde eine Lache, aus der ein kleiner blühender Baum erwächst. Potzler geht sehr sparsam mit Symbolen um, er hält sich fast immer an einen real erlebbaren Raum. Doch hier findet sich eine Spur, der einzige Hinweis auf das, was nun kommen mag. Die einzige Hoffnung.
Drei Künstler, drei Sprachen, ein Thema. Alle drei geben ein bewegendes Zeugnis. Berta Maria Innocentia Hummels Kreuzweg gab den Anlass, die drei verschiedenen Varianten anzuschauen. Kehren wir zum Abschluss noch einmal zurück in das Jahr 1935 und die beiden folgenden Jahre. Hummels Kreuzwegskizzen stehen innerhalb ihres eigenen Werkes singulär da, man bekommt eine Ahnung, mit welcher Kraft und inneren Aufgewühltheit sie an diesem Thema gearbeitet hat. Und warum genau in dieser Zeit. Dennoch gibt es einen Unterschied zu den anderen beiden ausgestellten Zyklen. Hummel hatte nicht die Gelegenheit, ihr Werk zu vollenden. Wir haben es mit Skizzen zu tun. Die gerade in ihrer ungewohnten Abstraktion, ihrer Schemenhaftigkeit, Blockhaftigkeit, Nicht-Ausarbeitung eine ganz besondere Kraft entfalten. Wir wissen nicht, was aus dem Werk geworden wäre, hätte sie daran weitergearbeitet. Wäre sie diesen Weg weitergegangen? Hätte ein expressiverer Stil womöglich ihre weitere Arbeit völlig anders aussehen lassen? Wir wissen nicht einmal, warum Berta Maria Innocentia Hummel ihren Kreuzweg nicht vollendet hat. Waren es die äußeren Umstände? Die Tatsache, dass sie – nach dem Studium zurückgekehrt in ihren Spagat zwischen verinnerlichtem Glauben, Kunstanspruch und Kommerz – nicht allem gerecht werden konnte? Wir wissen es nicht. Sie hatte auch nicht mehr allzuviel Zeit, künstlerisch neue Wege zu beschreiten. Sie starb mit 36 Jahren.
Drei Kreuzwege, drei Künstler – in einer solchen Rede kann man (hoffentlich) einige Anstöße geben und Fragen aufwerfen, aber leider eben nur das. Aber ich möchte Ihnen ans Herz legen: lesen Sie den Katalog! Darin vier ausgezeichnete Beiträge zu lesen, die näher auf das Werk eingehen können. Über Hummel von Martin Ortmeier und Genoveva Nitz, zu Peter Wittmann von Franz Xaver Peintinger, zu Johannes Raphael Potzler von Friedrich Fuchs. Und nun wünsche ich Ihnen eine anregende, aufwühlende, Fragen stellende und diskussionsfreudige Zeit in dieser schönen Ausstellung!...............................................................................................
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