Reliquienkästchen
Das Kästchen aus mittelalterlichen Stoffen wurde am 9. Oktober 1873 im sog. Dionys-Schrein in St. Emmeram gefunden, wo es wohl seit spätestens 1659 verwahrt war. Auf der Vorderseite ist die Stoffumhüllung fast ganz ausgespart und gibt den Blick frei auf ein hier eingelassenes Altardiptychon. Der rote Seidendamast um das Klappaltärchen stammt aus China.
Die Darstellungen der Pergamentminiaturen führen einen heute kaum mehr geläufigen Themenkreis vor. Bei der Kreuzigung Christi erscheint neben Maria und Johannes die gekrönte weibliche Figur der Caritas, der Liebe, die mit einer Lanze das Herz Christi durchbohrt. Dazu treten noch drei weitere weibliche Tugendpersonifikationen auf: Oben nageln Misericordia (Barmherzigkeit) und Oboedientia (Gehorsam) die Hände Christi ans Kreuz, unten durchbohrt Humilitas (Demut) die übereinandergelegten Füße Christi. Durch diese früher weit verbreitete Allegorie sollen die Tugenden Christi vorgezeigt werden, die die Voraussetzung für das Gelingen des Erlösungswerkes waren. Die Caritas steht dabei an zentraler Stelle, da alles Leiden Christi sich aus der Liebe zu seiner Braut, der Kirche, erklärt.
Als Gegenstück zur Kreuzigung ist auf dem linken Flügel des Altärchens die thronende Muttergottes mit Kind dargestellt. Ihr wird von zwei Engeln die Krone aufgesetzt. Aber auch das Jesuskind, das auf dem rechten Knie Mariens steht, greift zur Krone hoch und berührt sie. Christus selbst ist es, der dafür sorgt, dass Maria die ihr zustehende Krone erhält. Maria trägt in der Hand den Reichsapfel, das Symbol der Weltherrschaft, den sie dem Kinde hinreicht. So sind in einem Bild nicht nur die Kindheit, sondern auch das Königtum Christi vorgeführt und seine Macht als Weltenrichter am Jüngsten Tag. Dazwischen steht seine im rechten Flügel des Klappaltärchens gezeigte Kreuzigung als die Erlösung.
Als Stifter des Reliquienkästchens vom Anfang des 14. Jahrhunderts wird der Franziskanermönch Frater Wenceslaus angenommen, der von 1306 bis 1318 als Guardian das Regensburger Minoritenkloster leitete.
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